LAGEBEDINGTER ERSTICKUNGSTOD

 

Lagebedingter Erstickungstod


 

 

 

(auch „positionale Asphyxie“, „PA-Syndrom“ oder „Gewahrsamstod“)

 

Auf den ersten Blick, scheint dieses Thema nur für Behördenangehörige (und manche Sicherheitsdienste bei einer Tätigkeit mit hohem Konfliktpotential) interessant zu sein. Schließlich haben diese es oftmals täglich mit Personen zu tun, die auf Grund ihres Verhaltens, gefesselt werden müssen. Wenn alles richtig gelaufen ist, haben diese während ihrer Ausbildung auch schon vom sog. Gewahrsamstod gehört (aber mehr Wissen schadet ja bekanntlich nicht).

 

Aber auch Rettungskräfte können in eine Situation kommen, in der eine Person „plötzlich durchdreht“ und mit viel Kraft, Manpower oder Hilfsmitteln fixiert werden muss.

 

Oder was ist mit dieser Situation: Ihr seid Zeuge eines Raubes. Es gelingt euch, den Täter, zusammen mit einigen Freunden, nach einer kurzen aber wilden Verfolgungsjagd zu stellen. Gemeinsam bringt ihr ihn zu Boden. Kommt in dieser Situation irgendjemand auf die Idee, ihn mit seinem eigenen Gürtel zu fesseln bis die Polizei eintrifft? Vermutlich nicht! Viel wahrscheinlicher ist es, das am Ende alle auf dem Täter liegen oder knien! Einer auf den Beinen…einer mit seinem Knie auf den Schultern…einer drückt mit aller Kraft seinen Rücken auf den Boden….und ihr habt es geschafft einen Armhebel anzusetzen und kniet nun ebenfalls auf seinem Rücken und/oder seinem Nacken und helft ihn am Boden zu halten. Er wehrt sich…er bietet alle Kraft auf die er hat….und ihr haltet ihn noch stärker fest. Plötzlich erschlafft er…und ist tot!

 

Selbst wenn er plötzlich ruft ihr sollt von ihm runter gehen….sich aufbäumt und ruft er bekomme keine Luft mehr….fallt ihr auf diesen „Trick“ rein? Was wenn es kein Trick ist? Und es wird noch besser….man braucht gar keine fünft Mann damit die Person am Boden erstickt! Da reichen ein oder zwei schon aus! Oh…plötzlich ist das Thema doch interessant? Stimmt!!!

 

Was ist denn der „lagebedingte Erstickungstod“?

 

Einfach gesagt, handelt es sich dabei um ein Ersticken das durch die Position des Körpers hervorgerufen wird. Hier spielen verschiedene Faktoren eine Rolle. Primäre Gründe sind erst mal die Position des Körpers. Dieses kann z.B. sein, dass die Person in einer sitzenden Position ist und der Oberkörper mit viel Kraft nach vorne auf die Beine gedrückt wird. Das Atmen wird erschwert und kann unter Umständen zum Tode führen. Dies ist z.B. bei einer Abschiebung durch den Bundesgrenzschutz (jetzt Bundespolizei) geschehen. Die abzuschiebende Person saß in einem Flugzeug und leistete Widerstand um die Abschiebung zum Scheitern zu bringen. Die begleitenden Beamten drückten den jungen Mann nach vorne. Er leistete mehr und mehr Widerstand. Dies deuteten die Beamten falsch und erhöhten ihren Druck auf den Mann. Dieser kämpfte aber nicht gegen die Beamten sondern um sein Leben! Er erstickte durch diese Fixierung.

 

Der lagebedingte Erstickungstod (auch Gewahrsamstod genannt) tritt auch häufig dann auf, wenn eine gefesselte Person (Arme auf dem Rücken gefesselt; dies ist aus Gründen der Eigensicherung die Regel!) in der Bauchlage liegt und Druck auf den Rücken ausgeübt wird. Das Fesseln der Arme auf dem Rücken stört die Rückenmuskulatur die ebenfalls für das Atmen zuständig ist. Durch die Bauchlage und den Druck von oben kann das normale Atmen gestört und sogar verhindert werden. Das „kämpfen um Luft“ wird dann oft als „Widerstand“ gedeutet. Der Tod kann die Folge sein.

 

Gewisse andere Faktoren spielen aber noch eine wichtige Rolle. So kann Übergewicht, Alkohol- oder Drogenkonsum ebenso ein entscheidender Faktor sein wie Stress. Letzterer führt, gerade in einem Kampf und unter der Wirkung von Adrenalin, zu einer erhöhten Atemfrequenz (zur Erhöhung des Sauerstoffgehaltes des Blutes). Wird nun diese sehr hohe Atemfrequenz plötzlich mechanisch verhindert, tritt das Ersticken der Person ein. Auch der Einsatz von z.B. Pfefferspray stellt eine Gefahr dar. Durch das Einatmen des Wirkstoffes, kommt es vermehrt zu einem Hustenreiz. In Kombination mit einer Fixierung steigt das Risiko eines Gewahrsamstodes.

 

Es kann sogar völlig ausreichend sein, eine gefesselte Person, einfach auf dem Bauch liegen zu lassen! Selbst ohne Fremdeinwirkung kann das Eigengewicht in Verbindung mit hoher Atemfrequenz und gefesselten Armen zum Tode führen!

 

Besonders Drogenkonsum (z.B. Kokain oder „Crystal Meth“) kann zu einem PA-Syndrom führen (hier spricht man dann von einem sog. „Excited Delirium)

 

Erkennen des „lagebedingten Erstickungstodes“

 

Nicht jeder der auf dem Bauch liegt und gefesselt oder festgehalten wird erstickt nun sofort. Trotzdem muss man darauf achten wenn man in eine entsprechende Situation kommt. Das Problem ist das Erkennen. Natürlich gibt es die „typischen Anzeichen für ersticken“. Also röchelnde Geräusche, blaues anlaufen oder „plötzliche Regungslosigkeit“. Aber dies sind meistens „Endstadien“ die man verhindern sollte.

 

Laut Aussage von Prof. Penning, Uni München, ist es nicht nur für einschreitende Polizisten, sondern selbst für Ärzte und medizinisches Personal sehr schwer zu erkennen, ob es sich bei einer Gegenwehr der betroffenen Person um „Widerstand gegen Vollstreckungsbeamte“ oder um einen Überlebenskampf handelt.

 

Das erste Zeichen ist natürlich der Hinweis der Person selbst keine Luft mehr zu bekommen. Folgt auf diesen „Hinweis“ ein erhöhter Widerstand (ohne das Ausstoßen von Drohungen, Beleidigungen oder Schreien) ist dies das zweite Anzeichen. Ohnmacht wäre das Dritte.

 

Maßnahmen gegen den „lagebedingten Erstickungstod“

 

Natürlich kann der Hinweis „ich bekomme keine Luft mehr“ nur ein Trick sein. Es ist also trotzdem Vorsicht geboten! Kann man die Person mit Hilfsmitteln fesseln (z.B. dienstliche Handfesseln) so sind zuerst die Arme zu fesseln. Dies kann trotzdem auf dem Rücken geschehen!

 

Danach, ist die Person so zu fixieren, dass kein direkter Druck auf den Rücken bzw. die Schultern ausgeübt wird. Dies kann also das Knie im Genick sein, das Positionieren des eigenen Knies am (nicht auf!) Oberarm des Gefesselten um dessen Bewegung einzuschränken (seitliches dagegen drücken) oder viele andere Möglichkeiten. Zur Absicherung ist z.B. noch ein Beinhebel möglich (z.B. „Figure 4 Leg Lock“)

 

Klagt die Person noch immer über Atemnot, kann diese hingesetzt werden (Vorsicht vor den Beinen!). Hier hat sich der Hinweis bewährt, dass bei einem plötzlichen aggressiven Verhalten, die Person wieder in die Bauchlage gebracht wird! Auch eine kniende Position ist möglich! Je nach Einsatzlage, sollte einer Person immer den Zustand der gefesselten Person(en) beobachten!

 

In der Zeitschrift „Polizeitrainer Magazin“ werden folgende Verhaltensregeln aufgestellt:

 

  1. Polizeiliche Zurückhaltung, behutsames Vorgehen ist angezeigt
  2. Ein Team aus zwei Beamten ist mit der Situation immer überfordert
  3. Jedes Übermaß der Fixierung muss vermieden werden
  4. Jedes plötzliche Aufhören des Widerstandes ist ein Alarmzeichen
  5. Die Vitalfunktionen sind fortlaufend zu beobachten
  6. Eine Fesselung in Bauchlage ist unzulässig

In den USA ist die Fesselung in der Bauchlage übrigens bereits seit 20 Jahren verboten!

Pic by Jim Wagner
Pic by Jim Wagner

 

PA-Drill

 

Wer dieses einmal „am eigenen Leib“ erleben möchte, dem sei folgende Übung „ans Herz gelegt“. Ich habe sie während meiner Instructor Ausbildung bei Sgt. Jim Wagner (Reality-Based Personal Protection System) selbst erfahren dürfen/müssen/können:

 

Der Übende wird entweder durch einen Kampf (mindestens „leichter Vollkontakt“) oder andere körperliche Anstrengung (hier bietet sich eine abwechselnde Mischung aus Liegestütz, laufen durch die Halle, Hampelmann/Jumping Jacks, kurzen Sprints und „Rolle vorwärts“ an) auf eine erhöhte Atemfrequenz gebracht.

 

Wenn dies erreicht ist, legt sich dieser sofort auf den Bauch. Drei bis fünf andere Personen fixieren ihn auf dem Boden. Dabei soll Druck auf den Rücken ausgeübt werden (Im Idealfall auch eine Kontrolle beider Arme durch einen „Armhebel“). Der Übende atmet aus und wehrt sich nach aller Kraft. Nach wenigen Sekunden wird der Druck auf den Rücken gelöst.

 

ACHTUNG!  Hier ist ein aufmerksamer Trainer notwendig, der die Übung überwacht und auch sofort beenden kann! Der Trainer muss ein „Außenstehender“ sein (also nicht mit auf dem Übenden „liegen“) und muss den Übenden im Blick haben!

Pic by Jim Wagner
Member of the PoliceOne Law Enforcement Training Network